Aura & Energiekörper · Kapitel 07

Elektrische und magnetische Felder – das messbare Energiefeld des Körpers

Membranpotentiale, EEG, EKG, Magnetokardiografie und MEG: Größenordnungen, Messverfahren und die Grenze zwischen Feld und Metapher.

Leitfrage: Welche Felder erzeugt der Körper tatsächlich, und in welchen Größenordnungen bewegen sie sich?

Ein Körper im Feld

Jede lebende Zelle hält eine Spannung über ihrer Membran aufrecht. Für Nervenzellen nennt die Lehrbuchliteratur ein Ruhepotential von etwa −70 mV und eine Depolarisation bis nahe +30 mV — einen Hub von rund 100 mV [1]. Diese Potentiale sind die Grundlage von Nervenleitung, Muskelkontraktion und Herzrhythmus.

An der Körperoberfläche ist davon nur ein Bruchteil messbar. Und doch reicht es für die bekanntesten medizinischen Verfahren: Das Elektrokardiogramm (EKG) zeichnet die Summenspannung der Herzmuskelzellen auf, das Elektroenzephalogramm (EEG) die Aktivität des Gehirns. Beide sind elektrische Messungen an der Haut, keine Messungen eines „Biofelds“.

Von der Zelle zur Hautoberfläche

Die Zahlen sind unspektakulär und beeindruckend zugleich:

  • Zellmembran: Ruhepotential etwa −70 mV, Depolarisation bis +30 mV [1].
  • Herzmuskelzellen: Depolarisation von etwa −90 mV auf rund +30 mV, Dauer typischerweise 3–5 ms [2].
  • EEG an der Kopfhaut: 10–100 µV [3].
  • EKG an der Haut: Summensignal im Millivoltbereich.

Gemessen wird Spannung, nicht „Energie“. Die Elektroden sitzen auf der Haut, das Signal stammt aus der Summe vieler Zellpotentiale, und die Messung hängt von Elektrodenwiderstand, Hautfeuchte und Störeinstreuung ab. Das ist Technik — und der Grund, warum Biofeedback und EEG-Neurofeedback funktionieren, ohne dass dafür ein Biofeld nötig wäre.

Magnetfelder: Herz und Gehirn

Jeder Strom erzeugt ein Magnetfeld. Da im Körper Ströme fließen, ist der Körper auch eine Magnetfeldquelle. Die Referenzübersicht von Roth (2023) fasst den Forschungsstand zusammen [4]:

Signal Größenordnung Anmerkung
Magnetokardiogramm (MCG), Herz 50–100 pT stärkstes biomagnetisches Signal; 1963 erstmals gemessen
Magnetenzephalogramm (MEG), Alpha-Rhythmus ≈ 1 pT 1968 erstmals gemessen
MEG, evozierte Felder ≈ 0,1 pT rund zehnmal schwächer als Alpha, rund 1000-mal schwächer als MCG
Frequenzband der Biomagnetik 1–1000 Hz von der Herzfrequenz bis zur Anstiegszeit eines Aktionspotentials

Ein Pikotesla ist ein Billionstel Tesla. Zum Vergleich: Das Erdmagnetfeld liegt bei rund 30 bis 50 Mikrotesla, je nach Ort [4][5]. Das Herzfeld ist damit etwa ein Dreihunderttausendstel bis ein Millionstel des Erdmagnetfelds. Ein evoziertes MEG-Signal von 0,1 pT ist rund 300- bis 500-millionenfach schwächer.

Schematische Darstellung der Entstehung des Magnetfelds des Gehirns und seiner Messung mit MEG-Sensoren.
Magnetenzephalografie: Hirnströme erzeugen ein extrem schwaches Magnetfeld, das Sensoren außerhalb des Kopfes erfassen. Tom Holroyd · gemeinfrei · Bildnachweis

Warum die Messung so aufwendig ist

Die ersten Magnetkardiogramme wurden 1963 mit einer aufwendigen Induktionsspule aufgenommen; die ersten Hirnfelder folgten 1968 [4]. Moderne Empfänger arbeiten mit SQUIDs — supraleitenden Quanteninterferenzdetektoren, die auf wenige Kelvin gekühlt werden — oder mit optisch gepumpten Magnetometern (OPM), die ohne Kühlung auskommen, aber weiterhin Abschirmung brauchen.

Der Grund ist nicht die Empfindlichkeit allein, sondern das Verhältnis zum Störfeld. In einem ungeschirmten Raum gehen 50-Hz-Felder, Fahrstühle, Computer und selbst Körperbewegungen im Signal unter. Deshalb steht die Biomagnetik in magnetisch geschirmten Kammern — und deshalb ist sie ein Laborverfahren, kein Alltagsmessgerät.

Felder in der Umgebung

Die Umgebung ist nicht feldfrei. Das Bundesamt für Strahlenschutz nennt für 50-Hz-Felder im Haushalt ein 24-Stunden-Mittel von 0,101 µT (Median 0,047 µT; 95. Perzentil 0,308 µT) [6]. Haushaltsgeräte erreichen bei 3 cm Abstand Werte von 0,02 bis 2000 µT — ein Haartrockner 6 bis 2000 µT, eine Bohrmaschine 400 bis 800 µT [7]. Der Referenzwert der EU-Empfehlung für die Bevölkerung liegt bei 100 µT [7].

Daraus folgen Größenordnungen, die man sich merken kann: Das Herzfeld ist etwa ein Tausendstel der mittleren 50-Hz-Exposition im Haushalt. Eine Bohrmaschine im Abstand von 3 cm erzeugt ein Feld, das vier- bis sechzehntausendfach stärker ist als das Herzfeld. Die Felder des Körpers existieren — aber sie gehen in der Alltagsumgebung um viele Größenordnungen unter.

Was „Energie“ hier bedeutet

In der Physik ist Energie eine Größe mit Einheit, Erhaltungssatz und Messvorschrift. Ein elektrisches Feld ist etwas anderes als Energie; es hat eine Feldstärke in Volt pro Meter. Ein Magnetfeld hat eine Flussdichte in Tesla. Wer „Energie“ sagt, meint manchmal Arbeit, manchmal Leistung, manchmal ein Feld — und in der Esoterik oft eine Qualität, die keine dieser Größen ist.

Die Verwechslung ist nicht harmlos. Sie führt dazu, dass eine messbare Größe (das Herzfeld) und eine metaphorische Größe (die „Energie“ eines Menschen) als dasselbe behandelt werden. Der Satz „Der Mensch hat ein Energiefeld“ klingt dann wie eine Messung, ist aber eine Sprachfigur.

Das Herzfeld in der Populärdebatte

Um das Herzfeld ranken sich besonders viele Zahlen. Eine verbreitete Formulierung lautet, das magnetische Feld des Herzens sei „5000-mal stärker“ als das des Gehirns. In dieser Form ist sie durch die geprüften Quellen nicht gedeckt. Belegt sind 50–100 pT für das Herzfeld und etwa 1 pT für den Alpha-Rhythmus des Gehirns — ein Verhältnis von rund 50 bis 100 zu 1, nicht 5000 zu 1 [4].

Das HeartMath Institute beschreibt das Herzfeld als das stärkste rhythmische elektromagnetische Feld des Körpers und gibt an, es sei bis zu etwa 0,9 Meter vom Körper entfernt messbar [8]. Für die Herzratenvariabilität (HRV) und HRV-Biofeedback gibt es positive Evidenz bei Stress und Angst: Eine Meta-Analyse von 2017 über 24 Studien und 484 Teilnehmende fand eine große Effektstärke, betonte aber die begrenzte Studienqualität [9].

Nicht etabliert ist die Behauptung, das Herzfeld übertrage Informationen zwischen Menschen. HeartMath selbst bezeichnet die entsprechenden Laborbefunde als „exploratory“ und fordert unabhängige Replikationen [8]. Die Kette lautet hier: messbares Feld → Interpretation als Informationsträger → Behauptung einer globalen Kohärenz. Jeder Schritt ist eine Deutung, keine Messung.

Was daraus folgt

Der Körper erzeugt elektrische Potentiale und Magnetfelder, und beide sind präzise messbar. Diese Felder sind schwach, aber real; sie erklären EKG, EEG, MCG und MEG, ohne dass ein zusätzliches „Biofeld“ nötig wäre. Was sie nicht erklären, ist eine Aura im esoterischen Sinn: eine farbige, schichtförmige Hülle, die Charakter oder Gesundheit abbildet.

Die ehrliche Formulierung lautet deshalb: Der Mensch hat Felder. Ob diese Felder Bedeutung tragen, ist eine andere Frage — und für sie braucht es mehr als eine Messung.

Quellen

Der Mensch im Spektrum

Messgrößen, keine Metaphysik
400–700nm

Was sehen wir, wenn wir einen Menschen ansehen?

Sichtbares Licht wird von der Haut reflektiert, nicht von ihr erzeugt. Wellenlänge und Intensität des reflektierten Lichts hängen von Beleuchtung, Pigmenten und Oberfläche ab.

400 nm700 nm
  • Messverfahren
    Auge, Kamera, Spektrometer
  • Nachweisgrenze
    Das Auge braucht für Farbeindrücke eine Mindesthelligkeit; einzelne Photonen reichen nicht für ein Bild.
  • Vergleich
    Tageslicht: rund 10⁴–10⁵ Lux; Mondlicht: unter 1 Lux.
  • Die Skala ist innerhalb jeder Messgröße normiert und zeigt keine gemeinsame Einheit. Ein Balken über alle fünf Größen wäre irreführend: Volt, Tesla, Watt pro Quadratzentimeter und Photonen pro Sekunde lassen sich nicht auf einen Zahlenstrahl legen. Die Farbflächen sind eine Leshilfe, keine Messkurve.

    Redaktionsstand: 2026-11-04. Evidenzstufen in diesem Kapitel: A, C. Quellen stehen am Kapitelende; Bildrechte unter Bildnachweise.