Es ist 16 Uhr, und der Körper wird heller
In einem vollkommen dunklen Raum steht ein Mensch vor einer Kamera, deren Sensor auf minus 120 Grad gekühlt wird. Die Belichtung dauert zwanzig Minuten. Danach zeigt das Bild ein Gesicht, dessen Wange und Hals heller erscheinen als der Rest — nicht weil Licht auf die Haut fällt, sondern weil die Haut selbst Photonen abgibt.
Das klingt nach einem Esoterik-Bild, ist aber eine Messung aus der Biophysik. Die Arbeit von Kobayashi, Kikuchi und Okamura (2009) ist die im Auftrag genannte Referenzstudie. Sie untersuchte fünf gesunde Männer in den Zwanzigern über drei Tage, mit Messungen im Abstand von drei Stunden [1].
Was gemessen wurde
Die Ergebnisse sind präzise und unspektakulär zugleich:
- Die stärkste Emission trat auf den Wangen um 16 Uhr auf und erreichte rund 3000 Photonen pro Sekunde und Quadratzentimeter — etwa das Doppelte des Werts um 10 Uhr [1].
- Die Emission liegt nach Angaben der Autoren etwa 1000-mal unter der Empfindlichkeit des bloßen Auges [1].
- Das Spektrum der Handflächen-Emission reicht von 500 bis 700 Nanometern, mit Haupt- und Nebenmaximum bei 630–670 nm und 520–580 nm [1].
- Die Emission folgt einem Tagesrhythmus und korreliert negativ mit dem Speichelcortisol (r = −0,3074; p < 0,002) [1].
- Als Mechanismus nennen die Autoren Chemilumineszenz aus oxidativem Stoffwechsel — angeregte Moleküle aus Radikalreaktionen, nicht ein „Steuerungslicht“ [1].
Die Zahl 3000 klingt groß, ist aber winzig. Ein Photon bei 600 Nanometern trägt etwa 3,3 × 10⁻¹⁹ Joule. Bei 3000 Photonen pro Sekunde und Quadratzentimeter ergibt das eine Leistungsdichte von rund 10⁻¹⁵ Watt pro Quadratzentimeter. Die Wärmestrahlung derselben Haut liegt bei 310 Kelvin nach dem Stefan-Boltzmann-Gesetz bei etwa 0,052 Watt pro Quadratzentimeter (eigene Rechnung). Das Verhältnis ist rund 5 × 10¹³: Die Wärmestrahlung ist etwa fünfzig Billionen Mal stärker.
Wie man das sichtbar macht
Die Kamera ist der eigentliche Aufwand. Ein gewöhnlicher Sensor würde im Dunkelraum nichts sehen; das Signal liegt unter seinem Rauschen. Deshalb wird der Sensor gekühlt, die Belichtung dauert Minuten, und das Bild wird anschließend verstärkt. Was dann erscheint, ist keine Fotografie im üblichen Sinn, sondern eine Karte der gezählten Photonen.
Die Farbe ist eine Entscheidung der Bildverarbeitung. Meist wird eine dunkle bis helle Skala auf eine Farbpalette abgebildet, damit Unterschiede sichtbar werden. Ein rotes Gesicht in einer solchen Abbildung bedeutet „mehr Photonen pro Fläche und Zeit als an dieser anderen Stelle“ — nicht „wütend“ oder „energetisch aufgeladen“. Wer die Falschfarben als Aura liest, verwechselt die Legende mit der Bedeutung.
Woher das Licht kommt
Die Emission ist ein Nebenprodukt des Stoffwechsels. Bei der Verarbeitung von Sauerstoff entstehen freie Radikale und angeregte Moleküle; wenn diese in ihren Grundzustand zurückfallen, geben sie die Energie als Photon ab. Das ist Chemilumineszenz — dieselbe Grundlage wie bei vielen Leuchtvorgängen in der Natur, nur extrem schwach.
Wichtig ist die Abgrenzung zu drei anderen Phänomenen:
- Biolumineszenz ist die enzymgesteuerte Lichtproduktion von Lebewesen, etwa bei Glühwürmchen. Sie ist phylogenetisch optimiert und deutlich stärker.
- Fluoreszenz entsteht, wenn ein Stoff von außen angeregt wird und die Energie kurz darauf wieder abgibt. Bei der UPE wird nichts von außen angeregt.
- Wärmestrahlung ist die breite Emission jedes Körpers über dem absoluten Nullpunkt. Sie ist, wie die Rechnung zeigt, um viele Größenordnungen stärker als die UPE.
Die UPE ist also ein eigener, messbarer Kanal — kein sichtbares Leuchten und kein farbiges Feld.
Die Geschichte der Messung
Dass lebende Gewebe extrem schwach leuchten, ist seit den 1920er-Jahren ein Forschungsthema. Alexander Gurwitsch postulierte 1923 eine „mitogenetische Strahlung“, die Zellteilungen anregen sollte. Die Hypothese war umstritten; 1988 bilanzierte Gurwitsch die Geschichte in einer Rückschau [2]. Die moderne UPE ist davon zu unterscheiden: Sie ist reproduzierbar messbar, an Stoffwechselvorgänge gekoppelt und mit heutigen Sensoren in vielen Laboratorien zugänglich.
Die Übersichtsarbeiten von Cifra und Pospíšil (2014) sowie Mould und Kollegen (2024) beschreiben Definition, Mechanismen, Nachweisgrenzen und Anwendungen [3][4]. Sie machen deutlich, wie schmal der Grat zwischen einer sauberen Messung und einer überzogenen Deutung ist.
Popp und die Kohärenzhypothese
Der deutsche Physiker Fritz-Albert Popp veröffentlichte 1984 mit Kollegen eine Arbeit, die Biophotonen als kohärentes Licht mit der DNA als Quelle beschrieb [5]. Die Hypothese war attraktiv: Wenn das Licht kohärent wäre, könnte es Information tragen und Zellprozesse steuern.
Sie ist bis heute nicht etabliert. Es gibt keine unabhängige Replikation, die die Kohärenzbehauptung in vollem Umfang stützt; zugleich ist sie nicht endgültig widerlegt. Die Forschungslage lässt sich am ehrlichsten so beschreiben: Die Emission ist real, die Steuerungshypothese ist offen. Wer sie als gesichert darstellt, überzieht die Daten.
Warum das keine Aura ist
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob der Körper leuchtet. Er leuchtet. Die Frage ist, ob dieses Licht die Eigenschaften hat, die Aura-Modelle ihm zuschreiben: Farbe, Form, Schichtung, Bezug zu Charakter oder Gesundheit.
Für einen Zusammenhang zwischen Emissionsmustern und Charaktereigenschaften oder Auraschichten geben die Messungen keinen Anhaltspunkt. Die Emission ist schwach, diffus und von Stoffwechsel, Durchblutung und Hautbeschaffenheit abhängig. Sie zeigt, dass der Körper ein offenes physikalisches System ist — nicht, dass er von einer farbigen Hülle umgeben ist.
Das ist kein enttäuschendes Ergebnis. Es ist ein erstaunliches: Der menschliche Körper ist ein Lichtsender, dessen Signal so schwach ist, dass man ihn kühlen, abdunkeln und lange belichten muss, um es zu sehen. Die Natur braucht dafür keine Esoterik.
Quellen
- [1] Kobayashi, M., Kikuchi, D. & Okamura, H. (2009). Imaging of Ultraweak Spontaneous Photon Emission from Human Body Displaying Diurnal Rhythm. PLoS ONE 4(7), e6256. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0006256
- [2] Gurwitsch, A. A. (1988). A historical review of the problem of mitogenetic radiation. Experientia 44, 545–550. https://doi.org/10.1007/BF01953301
- [3] Cifra, M. & Pospíšil, P. (2014). Ultra-weak photon emission from biological samples: Definition, mechanisms, properties, detection and applications. Journal of Photochemistry and Photobiology B: Biology 139, 2–10. https://doi.org/10.1016/j.jphotobiol.2014.02.009
- [4] Mould, R. R., Mackenzie, A. M., Kalampouka, I., Nunn, A. V. W., Thomas, E. L., Bell, J. D. & Botchway, S. W. (2024). Ultra weak photon emission—a brief review. Frontiers in Physiology 15, 1348915. https://doi.org/10.3389/fphys.2024.1348915
- [5] Popp, F. A., Nagl, W., Li, K.-H., Scholz, W., Weingärtner, O. & Wolf, R. (1984). Biophoton emission. New evidence for coherence and DNA as source. Cell Biophysics 6(1), 33–52. https://doi.org/10.1007/BF02788579