Aura & Energiekörper · Kapitel 05

Aura-Kameras und GDV – kann man die Aura fotografieren?

AuraCamera, Bio-Well und Gas Discharge Visualization: Was die Sensoren messen, welche Rechenregeln daraus Bilder machen und was die Studienlage hergibt.

Leitfrage: Was misst eine Aura-Kamera tatsächlich, und was behauptet sie?

Das Foto, das alles erklärt

Auf Jahrmärkten und in Esoterikläden steht ein Gerät mit zwei Handauflagen. Man legt die Hände auf, blickt in eine Kamera, und wenige Minuten später liegt ein Ausdruck vor: ein Porträt, umgeben von einem farbigen Kranz. Rot an der einen Stelle, Blau an der anderen, dazwischen Grün und Violett. Dazu eine Deutung: Energie, Ruhe, Blockade, spirituelle Öffnung.

Das Bild sieht aus wie eine Messung. Es hat einen Sensor, einen Bildschirm, einen Ausdruck. Und es hat eine Farbskala, die an die Aura-Tradition erinnert. Genau darin liegt seine Wirkung: Die Technik liefert die Autorität, die Tradition liefert die Bedeutung.

Die entscheidende Frage ist einfach: Welche Größe wird gemessen, und wie wird daraus ein Bild?

Was die AuraCamera tatsächlich tut

Der Hersteller der AuraCamera 6000 beschreibt den Aufbau selbst: zwei Handsensoren, eine proprietäre Verarbeitung, die aus den Sensorsignalen ein Farbrendering um das Porträt erzeugt, und eine Ausgabe auf Sofortbildfilm. Welche Größe die Sensoren erfassen, wird nicht offengelegt; sichtbar ist das Ergebnis einer Rechenregel, nicht ein Feld [1].

Die Interpretation der Farben übernimmt anschließend ein Mensch. Die Herstellerbeschreibung spricht ausdrücklich davon, dass der Bediener die Farben mit Bezug auf Aura-Traditionen erläutert [1]. Das ist kein Nebensatz, sondern der Kern des Verfahrens: Die Messung endet an der Rechenregel, die Deutung beginnt beim Bediener.

Sensor, Rechenregel, Deutung

Man kann das Verfahren in drei Schritte zerlegen. Jeder Schritt ist für sich prüfbar — aber nur der erste ist eine Messung.

Schritt Was passiert Prüfbar?
Sensor Hautleitfähigkeit, Spannung oder ein anderes elektrisches Signal wird erfasst ja, aber die Größe wird oft nicht offengelegt
Rechenregel Das Signal wird in Farben und Formen übersetzt nur bei offengelegtem Algorithmus
Deutung Farben werden als Zustände, Charakter oder Gesundheit gelesen nein, solange keine Validierung vorliegt

Zwischen Schritt eins und Schritt drei liegt eine Behauptung, die nicht im Gerät steckt: dass die erfasste Größe mit einer Aura zusammenhängt. Diese Behauptung ist der Gegenstand der Prüfung — nicht das Gerät.

GDV: die digitalisierte Kirlian-Fotografie

Die technische Verwandte heißt Gas Discharge Visualization (GDV). Das Verfahren beruht auf dem Kirlian-Effekt: Ein Objekt wird in ein Hochspannungsfeld gebracht, die entstehende Entladung wird digital erfasst und automatisiert ausgewertet. In den 1990er-Jahren entwickelte Konstantin Korotkov entsprechende Geräte; verwandte Bezeichnungen sind Electrophotonic Imaging (EPI) und Bio-Well [2].

Der Unterschied zur klassischen Kirlian-Fotografie liegt weniger in der Physik als in der Auswertung: Statt eines Films entsteht ein digitales Bild, das Software in Kennzahlen, Diagramme und Farbflächen übersetzt. Auch hier gilt die Dreiteilung: Sensor, Rechenregel, Deutung. Die Software macht das Ergebnis reproduzierbarer — aber sie macht es nicht automatisch gültig.

Was die Studienlage sagt

Die systematische Übersicht von Bista und Kollegen (2023) sichtete 108 Publikationen und schloss 42 Studien ein: acht randomisierte kontrollierte Studien, fünf nicht randomisierte kontrollierte Studien, 17 Querschnittsstudien, zehn Prä-Post-Studien mit einer Gruppe und zwei korrelative Studien [2].

Der Schluss der Autoren ist vorsichtig: „More studies with a robust methodology are needed to make definitive conclusions.“ Sie sehen Potenzial für Frühdiagnostik und Wellness-Monitoring — das ist ihre Interpretation, nicht das Ergebnis der Studien. Und der überwiegende Teil der eingeschlossenen Arbeiten hat kein Kontrollgruppendesign.

Eine 2024 im Journal of Anomalistics erschienene zweiteilige Untersuchung von Federico E. Miraglia trägt das Ergebnis bereits im Titel: „Unreliability of the gas discharge visualization (GDV) device and the Bio-Well for biofield science“ [3]. Miraglia untersuchte die Wiederholbarkeit der Geräte und fand sie unzureichend für die behaupteten Anwendungen.

Interessenkonflikte und kommerzielle Nähe

Bei kommerziell vertriebenen Geräten ist die Nähe zwischen Hersteller, Forschung und Anwendung ein eigener Prüfpunkt. Wer ein Gerät verkauft, hat ein Interesse an Studien, die seine Nützlichkeit zeigen. Das macht die Studien nicht automatisch falsch — aber es verlangt nach unabhängiger Replikation, offengelegten Algorithmen und einer klaren Trennung von Messung und Marketing.

Für die GDV-Literatur kommt ein zweites Problem hinzu: Die verwendeten Kennzahlen sind oft proprietär. Wer nicht weiß, wie aus einem Entladungsbild ein „Energieindex“ wird, kann die Zahl nicht unabhängig überprüfen. Transparenz ist keine Formalie; sie ist die Bedingung dafür, dass ein Befund überhaupt geprüft werden kann.

Kann man die Aura fotografieren?

Wenn „Aura“ ein Feld bezeichnen soll, das den Körper umgibt und Informationen über seinen Zustand trägt, dann lautet die Antwort: Es gibt bislang kein Gerät, das ein solches Feld reproduzierbar abbildet. Es gibt Geräte, die elektrische Signale erfassen und daraus Bilder berechnen. Es gibt Kirlian-Aufnahmen von Gasentladungen. Es gibt Farbtafeln aus der theosophischen Tradition. Aber es gibt keine Studie, in der ein unabhängig definiertes Aura-Feld gemessen und das Ergebnis von anderen Gruppen bestätigt wurde.

Das ist keine Aussage darüber, ob Menschen etwas wahrnehmen, wenn sie eine Aura zu sehen glauben. Es ist eine Aussage über die Bilder: Sie zeigen, was der Sensor und die Rechenregel produzieren. Was sie bedeuten, entscheidet die Deutung — und die ist, anders als das Bild, nicht selbsterklärend.

Was ein gutes Gerät leisten müsste

Ein Gerät, das den Anspruch „Aura-Messung“ ernst nehmen würde, müsste vier Bedingungen erfüllen: eine definierte physikalische Größe mit Einheit, ein offengelegtes Messverfahren mit Nachweisgrenze, eine unabhängige Wiederholbarkeit und eine Trennung von Messung und Interpretation. Keines der kommerziell angebotenen Aura-Geräte erfüllt diese Bedingungen in einer begutachteten Studie.

Bis dahin bleibt die ehrliche Formulierung: Ein Aura-Foto ist ein Bild, das aus Sensordaten berechnet wurde. Es kann schön sein, es kann als Gesprächsanlass dienen — aber es ist kein Nachweis.

Quellen

  • [1] AuraCamera® 6000 — Herstellerangaben. https://www.auracamera.com/ (abgerufen am 04.11.2026)
  • [2] Bista, S., Jasti, N., Bhargav, H., Sinha, S., Gupta, S., Ramarao, P., Chaturvedi, S. K. & Gangadhar, B. N. (2023). Applications of Gas Discharge Visualization Imaging in Health and Disease: A Systematic Review. Alternative Therapies in Health and Medicine 29(6), AT6764. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35648690/
  • [3] Miraglia, F. E. (2024). Unreliability of the gas discharge visualization (GDV) device and the Bio-Well for biofield science: Kirlian photography revisited and investigated. Part I/II. Zeitschrift für Anomalistik 24, 80–119 und 120–150. https://doi.org/10.23793/zfa.2024.080

Redaktionsstand: 2026-11-04. Evidenzstufen in diesem Kapitel: B, C. Quellen stehen am Kapitelende; Bildrechte unter Bildnachweise.