Aura & Energiekörper · Kapitel 02

Die Geschichte der Aura-Forschung – von Mesmer zur Biophysik

Von Prana und Qi über Mesmers Magnetismus, Reichenbachs Od und Kilners Schirme bis zu Kirlian, GDV und Biophotonen: eine Zeitleiste mit Quellen.

Leitfrage: Wie wurde aus alten Lebenskraft-Vorstellungen die moderne Idee einer fotografierbaren Aura?

Porträtmedaille von Franz Anton Mesmer, Seitenansicht, mit Umschrift.
Franz Anton Mesmer auf einer Medaille von Lassagne, um 1847 (Musée Carnavalet, Paris). Lassagne (Graveur), Musée Carnavalet / Paris Musées · CC0 1.0 · Bildnachweis

Kein Anfang, sondern viele Anfänge

Wer eine Geschichte der Aura schreiben will, findet keinen Ursprung, sondern mehrere Stränge. In Indien beschreiben die Upaniṣaden Prana als Atem und Lebensprinzip; im chinesischen Denken ist Qi ein Grundbegriff der Naturphilosophie und Medizin [13]. Beide Begriffe werden heute oft als „die universelle Lebensenergie“ übersetzt. Das ist eine moderne Harmonisierung: Prana ist stärker atmungs- und yogabezogen, Qi stärker prozess- und ordnungsbezogen. Eine Einheit gab es nie.

Auch die christliche Bildkunst gehört zur Vorgeschichte, allerdings als Bildzeichen: Der Heiligenschein markiert Heiligkeit, er beschreibt kein Feld. Erst die Naturforschung des 18. Jahrhunderts beginnt, nach einer Kraft zu suchen, die zwischen Körpern wirkt und messbar sein soll.

Die Zeitleiste

Jahr Ereignis Einordnung
ca. 4.–1. Jh. v. Chr. Taittirīya-Upaniṣad beschreibt fünf Hüllen (pañcakośa) Tradition (D)
ca. 4. Jh. v. Chr. Prana erscheint in den Upaniṣaden als Atem und Lebenskraft Tradition (D)
Antike Qi wird in der chinesischen Philosophie zum Grundbegriff Tradition (D)
1770er Franz Anton Mesmer erklärt Krankheit durch „animalischen Magnetismus“ historisch belegt, mechanistisch widerlegt
1784 Königliche Kommission in Paris prüft Mesmer historisch belegt
1852 Karl von Reichenbach veröffentlicht Odisch-magnetische Briefe historisch belegt, Kraft nicht nachgewiesen
1888 Blavatsky veröffentlicht The Secret Doctrine Tradition (D)
1890er Jakub Narkiewicz-Jodko experimentiert mit Elektrografie historisch belegt
1896 Hippolyte Baraduc veröffentlicht L’âme humaine mit „vitalen“ Fotografien historisch belegt, Deutung nicht belegt
1901 Besant und Leadbeater veröffentlichen Thought-Forms Tradition (D)
1902 Leadbeater, Man Visible and Invisible Tradition (D)
1911 Walter J. Kilner, The Human Atmosphere historisch belegt, Methode nicht validiert
1923 Alexander Gurwitsch postuliert „mitogenetische Strahlung“ Hypothese (C)
1939 Semyon Kirlian entwickelt die Hochspannungsfotografie historisch belegt
1930er–40er Wilhelm Reich postuliert „Orgon“ als universale Lebensenergie Hypothese (C), fachlich abgelehnt
1976 Pehek, Kyler und Faust zeigen den Feuchtigkeitseinfluss [9] experimentell belegt (A)
1987 Barbara Brennan, Hands of Light Tradition (D)
1990er Konstantin Korotkov entwickelt GDV-Geräte kommerzielle Technik
2009 Kobayashi et al. messen die Tagesrhythmik der UPE experimentell belegt (A)

Die Tabelle ist keine Erfolgsgeschichte und keine Widerlegungsgeschichte. Sie zeigt, wie oft eine Deutung auf eine Messung folgte — und wie oft die Messung etwas anderes zeigte als die Deutung.

Mesmer und die Prüfung von 1784

Franz Anton Mesmer erklärte in den 1770er-Jahren Krankheiten durch einen animalischen Magnetismus, eine zwischen Körpern übertragbare Kraft. Die Behauptung war kühn und praktisch folgenreich: Wenn Krankheit durch eine Kraftübertragung entsteht, dann kann sie durch dieselbe Kraft geheilt werden.

1784 ließ die französische Krone die Behauptung prüfen. Der Kommission gehörten unter anderem Benjamin Franklin und Antoine Lavoisier an. Sie fand keine Evidenz für ein magnetisches Fluidum und führte die beobachteten Wirkungen auf Einbildungskraft und Erwartung zurück [1]. Das war keine Widerlegung der Erfahrung — Menschen wurden tatsächlich beeinflusst —, sondern eine Widerlegung des angenommenen Mechanismus. Diese Unterscheidung wird im ganzen Bereich wiederkehren.

Reichenbach und das Od

Karl Ludwig von Reichenbach (1788–1869) war ein angesehener Chemiker und Physiker; er entdeckte unter anderem Paraffin und Kreosot. In den 1840er-Jahren behauptete er, sensitive Menschen könnten eine Kraft wahrnehmen, die von Magneten, Kristallen und lebenden Körpern ausgehe. Er nannte sie „Od“ und veröffentlichte seine Beobachtungen 1852 in den Odisch-magnetischen Briefen [2].

Die Od-Lehre ist ein frühes Beispiel für ein Muster, das später wiederkehrt: Eine zunächst physikalisch gemeinte Kraft wird von „sensitiven“ Personen wahrgenommen, nicht von Instrumenten. Die Prüfung scheitert an der fehlenden Unabhängigkeit der Beobachtung — nicht an der Ehrlichkeit der Beobachter. In der Physik hat sich das Od nicht etabliert.

Theosophie und die Erfindung der Farbaura

1875 wurde in New York die Theosophische Gesellschaft gegründet. Helena Petrovna Blavatsky veröffentlichte 1888 The Secret Doctrine und verband indische Begriffe mit einer siebenfachen Gliederung des Menschen [3]. Charles Webster Leadbeater, ein ehemaliger anglikanischer Priester, popularisierte die Aura in Man Visible and Invisible (1902) als Ergebnis „geschulter Hellsicht“ [4].

1901 legten Besant und Leadbeater Thought-Forms vor: Gedanken und Gefühle als farbige, geformte Wesenheiten in feiner Materie [5]. Die Tafeln wurden von drei befreundeten Künstlern gezeichnet — John Varley, einem Herrn Prince und einer Miss Macfarlane. Das Buch ist der wichtigste Einzeltitel für die spätere Aura-Farben-Symbolik. Es ist zugleich ein Dokument des frühen 20. Jahrhunderts, nicht der Antike.

Kilner und die Schirme

1911 veröffentlichte Walter J. Kilner The Human Atmosphere, or, The Aura Made Visible by the Aid of Chemical Screens [6]. Kilner war Arzt am St. Thomas’s Hospital in London und ließ Beobachter durch mit Dicyanin gefärbte Schirme blicken. Was sie sahen, beschrieb er als Zonen um den Körper.

Der Aufbau ist bemerkenswert: Die Aura sollte nicht direkt, sondern durch ein Medium sichtbar werden. Ein Medium verändert Kontrast, Helligkeit und Farbton. Ob aus den Beobachtungen ein eigenständiges Feld folgt, ist damit nicht entschieden; entschieden ist nur, dass ein Filter im Strahlengang lag. Kilners Methode wurde nie unabhängig validiert — und Dicyanin ist ein Farbstoff, kein Messinstrument.

Frühe Elektrografie

In den 1890er-Jahren experimentierte der polnische Arzt Jakub Narkiewicz-Jodko mit elektrografischen Aufnahmen; in Frankreich veröffentlichte Hippolyte Baraduc 1896 L’âme humaine mit Fotografien, die er als Abbildungen vitaler Vorgänge deutete [7][8]. Die Technik war neu, die Deutung nicht: Was auf der Platte erschien, wurde als Ausdruck von Leben gelesen.

1939 begann Semyon Kirlian mit der Hochspannungsfotografie, die später seinen Namen trug [8]. Das Verfahren ist real und reproduzierbar; die Deutung als Aura ist es nicht. Kapitel 3 erklärt den Mechanismus im Detail.

Reich und das Orgon

Wilhelm Reich, ein Schüler Freuds, postulierte in den 1930er- und 1940er-Jahren „Orgon“ als universale Lebensenergie. Die Vorstellung verband Körper, Atmosphäre und Kosmos zu einem einzigen Kraftfeld. Sie wurde von der Fachwissenschaft nicht angenommen; Reichs Apparaturen und seine Nachfolgepraxis gerieten in Konflikt mit regulatorischen Behörden [10].

Das Orgon ist ein gutes Beispiel für die Anziehungskraft einer universalen Lebenskraft: Der Begriff erklärt alles und damit nichts. Eine Hypothese, die jedes Ergebnis bestätigt, ist nicht falsch, sondern unprüfbar.

Vom Kirlian-Bild zur Biophotonen-Messung

In den 1990er-Jahren entwickelte Konstantin Korotkov die Gas Discharge Visualization (GDV), eine digitalisierte Variante der Kirlian-Fotografie mit automatisierter Bildauswertung [11]. Parallel etablierte sich die Ultraweak Photon Emission (UPE) als messbares Forschungsfeld: Alexander Gurwitsch hatte 1923 eine „mitogenetische Strahlung“ postuliert; die moderne UPE ist davon zu unterscheiden, weil sie reproduzierbar gemessen und an Stoffwechselvorgänge gekoppelt ist [12].

Damit stehen am Ende der Zeitleiste zwei sehr unterschiedliche Dinge nebeneinander: eine kommerzielle Bildgebung, die Aura-Diagnosen verspricht, und eine biophysikalische Messung, die extrem schwache Lichtemission nachweist. Kapitel 5 und Kapitel 6 trennen beide.

Was die Geschichte lehrt

Drei Muster wiederholen sich. Erstens: Eine neue Technik erzeugt ein neues Bild, und das Bild erbt die alte Deutung. Zweitens: Die Prüfung scheitert selten an der Technik, sondern an der Kontrolle — an Feuchtigkeit, Erwartung, Analysefenstern. Drittens: Die Unterscheidung zwischen „es wirkt“ und „es wirkt durch ein Feld“ wird fast immer eingeebnet.

Die Geschichte ist deshalb kein Museum. Sie erklärt, warum die Aura heute so plausibel wirkt: Sie hat Bilder, Namen, Geräte und eine lange Kette von Autorinnen und Autoren. Was sie nicht hat, ist eine Messung, die eine Aura als eigenständige Größe zeigt.

Quellen

Redaktionsstand: 2026-11-04. Evidenzstufen in diesem Kapitel: A, C, D. Quellen stehen am Kapitelende; Bildrechte unter Bildnachweise.